Kriegschroniken

Der schutzlose Himmel verlängert den Krieg

Der schutzlose Himmel verlängert den Krieg

Seit Monaten erobert Russland kaum noch Gebiet. Ukrainische Drohnenangriffe richten immer größere wirtschaftliche Schäden in Russland an, befeuern die russische Treibstoffkrise, schneiden die Schwarzmeerhalbinsel Krim vom Nachschub ab. Fast 43.000 im Juli getötete oder verwundete russische Soldaten meldet der Generalstab in Kyjiw. Das sind so viele wie in keinem Kriegsmonat bisher.

Doch derzeit ist es nicht die Situation an der Front, die den politischen Druck für die eine oder die andere Kriegspartei beeinflusst. Sowohl Russland als auch die Ukraine verlagern den Schwerpunkt des Krieges zunehmend in das jeweils gegnerische Hinterland. Trotz des rasanten Anstiegs der ukrainischen Drohnenangriffe in diesem Jahr ist es die Ukraine, für die diese Entwicklung besonders bedrohlich ist. Denn Russland hat, anders als das angegriffene Land, ballistische Raketen. Es setzt sie öfter ein und trifft damit immer häufiger seine anvisierten Ziele. 

Drohnen und Marschflugkörper kann die Ukraine dank ihrer Fortschritte bei der Flugabwehr oft abwehren, bei ballistischen Raketen ist es anders. Mindestens 470 ballistische Raketen setzte Russland nach Angaben aus Kyjiw in der ersten Jahreshälfte gegen ukrainische Städte ein. 126 kamen im Juli dazu, 52 weitere allein in der ersten Augustwoche. 

Konnte zu Jahresbeginn noch fast jede zweite, mindestens aber jede dritte Rakete abgewehrt werden, war es im Juli kaum mehr als jede Vierte. Ein zwischenzeitlicher Anstieg zuvor ist wohl auf eine Lieferung von Patriot-Abwehrraketen zurückzuführen, die das Land laut Präsident Wolodymyr Selenskyj Anfang Juni erhalten hatte. Jetzt dürften die Abfangraketen aufgebraucht sein: Von 52 russischen Raketen wehrte die Ukraine in der vergangenen Woche nur eine ab. Das Resultat: Hunderte Tote allein im Juli, viele von ihnen infolge der Raketenangriffe. 

Dass die sich die Abwehrfähigkeiten der Ukraine verschlechtern, ist auf die große Abhängigkeit von westlichen Lieferungen zurückzuführen. Nur das US-Abwehrsystem Patriot und das europäische System Samp/T können ballistische Raketen zuverlässig abwehren. Zum Abschuss einer ballistischen Rakete sind nach Angaben aus Kyjiw entweder zwei PAC-2- oder PAC-3-Abwehrraketen nötig, die im Patriot-System eingesetzt werden – oder bis zu vier Aster-Abwehrraketen, die das Samp/T-System abfeuert. Von Letzteren jedoch werden jährlich nur etwa zweihundert Stück hergestellt.

Russland kann nach Einschätzung ukrainischer Sicherheitskreise jährlich fast 800 ballistische Kurzstreckenraketen herstellen, dazu ungefähr 120 Zirkon-Hyperschallflugkörper, die ebenfalls nur mit den genannten Systemen abgefangen werden können. Dementsprechend bräuchte die Ukraine, um ihre Städte vor den russischen Attacken zu schützen, fast 2.000 PAC-2- oder PAC-3-Abfangraketen pro Jahr. Der US-Hersteller Lockheed Martin produziert jährlich weniger als ein Drittel dieser Zahl – für den Bedarf der USA und ihrer Verbündeten weltweit. Zwar wird die Produktion derzeit stark ausgeweitet, ein Niveau von 2.000 hergestellten Einheiten jährlich wird aber erst um etwa 2030 erwartet. Diese dürften nur zu geringen Teilen an die Ukraine geliefert werden.

Somit war die Ukraine bisher vor allem auf Lieferungen aus den Beständen der USA angewiesen. Diese haben sich inzwischen stark geleert, auch durch die Abgabe von 600 Abfangraketen an die Ukraine in den vergangenen Jahren. Vor allem aber sind es die USA selbst, die ihre Bestände zuletzt binnen weniger Monate größtenteils verfeuert haben: Verfügte das US-Militär vor dem Krieg gegen den Iran über etwa 2.500 Abfangraketen für den Patriot, sind nach einer Schätzung des US-Thinktanks CSIS und Berichten von US-Medien nur noch etwa 800 davon übrig. 

Um 300 davon hat Selenskyj US-Präsident Donald Trump bei seinem jüngsten Besuch in Washington gebeten – gerade mal genug, um vielleicht zwei Monate lang russische Angriffe abwehren zu können. Dass die Bitte erfüllt wird, ist unwahrscheinlich: Die USA würden die Raketen selbst brauchen, sagte Trump am Donnerstag. Er beschuldigte seinen Vorgänger Joe Biden, der Ukraine ohnehin zu viele davon abgegeben zu haben. Tatsächlich aber ist es Trump, der innerhalb weniger Wochen gegen den Iran dreimal mehr Raketen abfeuern ließ, als die Ukraine seit Kriegsbeginn von den USA und europäischen Nato-Ländern erhielt.

Es ist kaum einen Monat her, dass das Problem zumindest langfristig lösbar schien: Anfang Juli stellte Trump beim Nato-Gipfel in Ankara in Aussicht, der Ukraine Lizenzen freizugeben, damit sie die Raketen selbst herstellen kann. Doch wenige Wochen später stellte Trump die Zusage wieder infrage. Wie derberichtete, ist er nicht der erste US-Präsident, der diesen Schritt nicht gehen will: Schon während der Amtszeit Bidens hätten ukrainische Beamte solche Bitten an die USA gerichtet. Die Antwort war dem Bericht zufolge ein »Nein« ohne Angabe von Gründen. Selbst im Falle einer Freigabe dürfte es Jahre dauern, bis die Produktion in der Ukraine aufgebaut werden kann. 

Nach Hilfe sucht die Ukraine daher in Europa. Mitte Juli vereinbarten neun europäische Länder, darunter Deutschland, ein »Flaggschiffprojekt«, um Alternativen zu den Patriot- und Samp/T-Systemen zu entwickeln. Kern ist das System Freyja: ein Projekt des ukrainischen Drohnenherstellers Fire Point zur Entwicklung eines eigenen Raketenabwehrsystems.

Anders als bisherige Systeme soll Freyja mit einer Vielzahl unterschiedlicher Komponenten aus den jeweiligen europäischen Ländern vereinbar sein. Für die Partner der Ukraine bedeutet das eine hohe Anpassungsfähigkeit des Systems an den eigenen Bedarf. Aus ukrainischer Sicht erhöht das den Anreiz für die anderen Länder, Komponenten bereitzustellen. Erste Vereinbarungen sind bereits abgeschlossen: So will der deutsche Rüstungshersteller Hensoldt Radare liefern. Weitere beteiligte Unternehmen sind der französische Thales-Konzern, Leonardo aus Italien, das schwedische Unternehmen Saab und das französisch-italienische Konsortium Eurosam. 

Aus der Ukraine stammt hingegen die angedachte Abwehrrakete, die Fire Point als FP-7.X bezeichnet. Die Rakete habe bereits fünf Tests hinter sich gebracht, teilte Unternehmenschefin Iryna Terech zuletzt mit. Noch in diesem Monat soll die Serienproduktion starten. Bereits nächstes Jahr soll dann das Gesamtsystem fertig entwickelt werden. »Wir wollen in der ersten Hälfte des nächsten Jahres eine erste funktionsfähige Version fertig haben«, sagte der ukrainische Verteidigungsbeamte Dawyd Alojan der Nachrichtenagentur Reuters. 

Die Ambitionen von Fire Point sind gewaltig: Bis zu 2.000 Raketen jährlich wolle man perspektivisch produzieren, sagte Terech dem Portal Obwohl die FP-7.X technisch weniger anspruchsvoll sein soll als die PAC-3-Raketen für den Patriot, ist das eine gewagte Prognose. Das gibt Terech selbst zu: Ein Programm, wie es normalerweise für Jahrzehnte angelegt werde, soll in wenige Jahre »hineingepresst« werden. Bisherige Ankündigungen des Unternehmens, etwa zu anvisierten Produktionszahlen seines Marschflugkörpers FP-5 »Flamingo«, sind bislang nur in Teilen verwirklicht worden.

In jedem Fall bietet das Freyja-Projekt der Ukraine keine kurzfristige Lösung. Diese wird aber dringend benötigt: Wenn das Land schon jetzt an der Raketenabwehr scheitert, könnten die Bedingungen im Winter noch viel härter werden. In der Vergangenheit intensivierte Russland seine Angriffe auf das Energienetz in den Wintermonaten, um der Zivilbevölkerung das Leben so schwer wie möglich zu machen. Jeder Kriegswinter wurde dabei schlimmer, da nur ein Bruchteil der Infrastruktur anschließend wieder aufgebaut werden könnte.

Den kommenden Winter dürfte Russlands Staatschef Wladimir Putin daher für einen weiteren Versuch nutzen, die Ukraine in eine humanitäre Notlage zu stürzen – mit noch größeren Chancen auf Erfolg als bisher. Zwar verfeuert Russland nach Einschätzung des Institute for the Study of War (ISW) schon jetzt mehr ballistische Raketen pro Monat als es in der Lage ist, herzustellen. Doch Russland hat Verbündete, die keine Scheu vor der Lieferung von Angriffswaffen haben. So stellte Nordkorea in der Vergangenheit ballistische Raketen des Typs KN-23, die den russischen Iskander-Raketen ähneln, zur Verfügung. Der ukrainische Militärgeheimdienst warnte zuletzt, in Westrussland solle demnächst ein nordkoreanisches Regiment mit 120 weiteren Raketen stationiert werden. 

Die Ukraine hat somit keine Perspektive, bis zum Winter eine funktionierende Raketenabwehr aufzubauen oder zu erhalten. Die Hoffnungen, Putin noch in diesem Jahr zu Friedensgesprächen zu drängen, können daher kaum noch erfüllt werden. Der russische Staatschef wird den Winter nutzen wollen, um die Verhandlungsposition der Ukraine zu schwächen. Dass die westlichen Länder die Produktion von Abwehrraketen auch im fünften Kriegsjahr nicht bedeutend erhöhten, trägt somit zur Verlängerung des Krieges bei. 

Da die Ukraine keine realistische Möglichkeit zur Raketenabwehr hat, wird sie wohl umso mehr in die Offensive gehen: mit Angriffen auf Russlands Rüstungsindustrie und vor allem auf Raketenstartrampen in den Grenzregionen. Doch die beweglichen bodengestützten Iskander-Systeme sind schwer zu treffen. Belegt ist seit Kriegsbeginn die Zerstörung von nur fünf solcher Abschussrampen

Die Ukraine hofft daher abermals auf Hilfe aus den USA. Konkret geht es dabei um eine Freigabe von Elon Musks Unternehmen SpaceX, den Satellitendienst Starlink auch für Angriffe in Russland nutzen zu dürfen. So soll Selenskyj Trump darum gebeten haben, Musk zu diesem Schritt zu überreden, berichtete . Die Erfolgsaussichten sind ungewiss: Schließlich hatte Musk schon die Nutzung von Starlink auf russisch besetztem Gebiet der Ukraine zeitweise unterbunden. Zwar ließ er sich später dazu bewegen, russischen Truppen den Starlink-Zugang zu verweigern. Doch der Mann, der ihn dazu persönlich überzeugt hat – Ex-Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow – wurde von Selenskyj jüngst entlassen.

Bei Angriffe gegen Ziele wie Raketenstartrampen auf russischem Gebiet könnte die Ukraine womöglich auch auf westliche ballistische Raketen zurückgreifen, etwa die ATACMS-Raketen aus den USA. Diese erhielt das Land nur in geringen Mengen, auch bleibt ihre Reichweite hinter den russischen Iskander-Raketen zurück. Und ohnehin könnte sich die Diskussion darüber als hinfällig erweisen: Im Irankrieg sollen die USA Berichten zufolge einen Großteil ihrer ATACMS-Raketen verschossen haben. 



Das Zitat: Die Nato und der General

Solange der Krieg weiter anhält, ist eine Nato-Mitgliedschaft für die Ukraine ausgeschlossen. Doch auch ein Beitritt nach einem Kriegsende erscheint unwahrscheinlich. Einer, der nicht mehr an einen Beitritt glaubt, ist Walerij Saluschnyj, bis Anfang 2024 ukrainischer Militärchef und seitdem Botschafter in London. »Ich kümmere mich seit zwölf Jahren persönlich darum, dass wir die Nato-Standards erfüllen«, sagte Saluschnyj bei einer Diplomatenkonferenz in Kyjiw. »Ich habe mir jedes Jahr Märchen darüber angehört, dass wir bald der Nato beitreten werden.« Und weiter:

Saluschnyj stellte dabei vor allem die Sinnhaftigkeit eines Beitritts infrage: Die Ukraine würde keiner Organisation beitreten, deren militärische Doktrin »aus dem Zweiten Weltkrieg« stamme. Wenngleich die Nato-Staaten über Technologien verfügten, die der Ukraine fehlten, würden sie nach seiner Einschätzung Jahre brauchen, um sich bei der modernen Kriegsführung an russisches Niveau anzunähern – ebenso wie die Ukraine dafür Jahre gebraucht habe. 


Die wichtigsten Meldungen: Menschenjagd, versuchter Drohnenanschlag, Wildberries

Cherson: Die auf Video aufgenommene Jagd einer russischen Kurzstreckendrohne auf einen Zivilistenin der südukrainischen Großstadt Cherson hat Empörung in der Ukraine hervorgerufen. 

Deutschland: Auf dem Flughafen Leipzig/Halle sind von einem mutmaßlichen versuchten Drohnenanschlag ukrainische Antonow-Frachtflugzeuge bedroht gewesen. In der Nähe eines solchen Flugzeugs wurde eine mit Sprengstoff beladene Drohne sichergestellt. Ob die Maschinen Ziel der Drohne waren, ist noch unklar. Eine DHL-Frachtmaschine kollidierte mit einer weiteren mutmaßlichen Drohne. Die Bundesanwaltschaft nahm Ermittlungen auf. Sie spricht von einem »schwerwiegenden Angriff« auf die deutsche Infrastruktur. 

Russland: Die Ukraine setzt ihre Angriffe auf den russischen E-Commerce-Konzern Wildberries fort. Nach mindestens 15 getroffenen Logistikzentren in der zweiten Julihälfte haben ukrainische Drohnen in der ersten Augustwoche weitere sechs Lager attackiert.

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