Paris – Frankreich wird von heftigen Schülerprotesten erschüttert. Was als Protest gegen Unterrichtsausfall, marode Schulen und Lehrermangel begann, ist in vielen Städten in Gewalt umgeschlagen. Lehrer werden angegriffen, Polizisten zu Boden getreten und geschlagen. Seit Montag wurden nach Behördenangaben mehr als 300 Polizisten, 65 Lehrer und 170 Schüler verletzt.
Besonders schockierend ist der Fall eines Lehrers aus La Ciotat, rund 30 Kilometer östlich von Marseille. Wie der Sender BFMTV berichtet, wollte der Mann ein Feuer an einem Baum vor der Schule löschen, als ihn ein Schüler mit Benzin übergoss. „Ich wurde gezielt getroffen“, sagte der Lehrer.
Schülerprotest wurde zum Gewaltchaos
Der Aufstand begann am 21. September am Lycée Saint-Exupéry in Créteil bei Paris und griff schnell auf weitere Schulen über. Auslöser waren unbesetzte Lehrerstellen und regelmäßiger Unterrichtsausfall. Schnell schlossen sich weitere Schulen an. Die Jugendlichen verlangten mehr Personal, kleinere Klassen und die Sanierung maroder Schulgebäude. Sie klagten auch über zu volle Stundenpläne, soziale Ungleichheit und den Leistungsdruck durch das Hochschul-Auswahlsystem.
Doch vielerorts eskalierten die Proteste und schlugen in Gewalt um. 5000 Menschen wurden bislang festgenommen. 85 Prozent von ihnen sind minderjährig, so Innenminister Laurent Nuñez. Er machte unter anderem soziale Netzwerke sowie den Einfluss der linken Partei La France Insoumise für die Mobilisierung mitverantwortlich.
BILD traf die Schülerinnen Sonia, Kenza und Melia vor ihrer Schule in Saint-Denis. „Wir haben bei den Protesten mitgemacht, aber ohne Gewalt“, erzählen die Jugendlichen. „Die Bedingungen an unserer Schule sind katastrophal. Die Klassenzimmer sind alt und abgewetzt, die Toiletten eklig.“ Regelmäßig falle Unterricht aus. „Die Regierung hat unseren Stadtteil aufgegeben. Wer reiche Eltern hat, kann sich gute Bildung kaufen. Wer auf eine normale Schule geht, hat verloren.“
Zwischen Anspannung und Alltag
Zwei Tage nach den schweren Ausschreitungen herrscht in Paris eine Mischung aus Anspannung und Normalität. Während vielerorts über die Gewaltexzesse an Schulen und die Proteste diskutiert wird, läuft das Leben in der Hauptstadt weiter. In Montmartre strömen Hunderte Touristen zur Basilika Sacré-Cœur, sitzen mit Getränken auf den Treppenstufen und lauschen Straßenmusikern.
Kellner Antoine (35) sagt zu BILD: „Die meisten bleiben gelassen. Die normalen Leute wollen ihr Wochenende genießen. Ein Glas Rotwein ist ihnen wichtiger als die Situation an unseren Schulen.“
Anders sieht das der 17-jährige Schüler Ismael aus dem Problemviertel Saint-Denis. Auf seinem Mofa sitzend, mit einer Zigarette in der Hand, warnt er vor einer neuen Eskalation: „Die Leute sollen nicht denken, dass wir uns alles gefallen lassen. Wenn uns die Regierung nicht ernst nimmt, können die Proteste jederzeit wieder eskalieren.“
Schüler kündigen nächste Protestwelle an
Trotz Ausschreitungen wollen Schülervertreter an den Protesten festhalten. Zwar verurteilten sie die Gewalt, gleichzeitig riefen sie zur Fortsetzung der Demonstrationen auf. Für Dienstag kündigten sie eine neue Kundgebung an. Justizminister Gérald Darmanin forderte Staatsanwälte auf, die zivilrechtliche Haftung der Eltern für Schäden ihrer minderjährigen Kinder geltend zu machen.