Es gehört im Theater zum guten Ton, dass die erste Inszenierung einer neuen Intendanz stellvertretend für all das steht, was man sich programmatisch vorgenommen hat. Am Wiener Theater in der Josefstadt hat die aus St. Pölten gekommene Marie Rötzer zum Neustart jetzt Arthur Schnitzlers selten gespielte „Komödie der Verführung“ auf den Spielplan gesetzt.
Komödie? Verführung? Das klingt nach einladendem Flirt oder schmeichelnder Umarmung. Doch das Publikum des Hauses, das in seiner Geschichte mit so glanzvollen Namen wie Ferdinand Raimund, Johann Nestroy und Max Reinhardt verbunden ist, reagiert reserviert. Nach fast zwei Stunden Live-Kamera wird die Pause bei einer Sonntagnachmittagsvorstellung zum Moment der Wahrheit: Die Reihen im Parkett leeren sich, viele Zuschauer bekunden ihren Unmut, andere bleiben. Von einem Fehlstart kann man allerdings nicht sprechen.
Theater mit Live-Kamera ist heute nichts Neues mehr. Und warum sollte gerade das Theater auf Kameras und Bildschirme verzichten, die inzwischen von fast allen Menschen im Hosentaschenformat unverzichtbar zum Alltag gehören? Wie gelungen das auf der Bühne eingesetzt wird, ist damit noch nicht gesagt. Doch wo man, wie am Theater in der Josefstadt, über Jahre und Jahrzehnte den Ruf einer Schauspielbühne mit klassischen Tugenden gepflegt hat, ist der Einsatz von Kameras noch ein Politikum. Und das, obwohl man Ensemblestars wie Nils Arztmann auf der riesigen Leinwand so nahe kommen kann wie sonst nur im Kino (dieser Tage ist er in „Bruno – Der junge Kreisky“ als der spätere Bundeskanzler Österreichs zu sehen).
Mit der Kamera setzt Regisseurin Ildikó Gáspár auch das Theater in der Josefstadt selbst in Szene, von den prächtigen Fluren bis zu den mit Samt ausgeschlagenen Logen. Der Theaterbau bietet eine fantastische Kulisse für die wilden Feiern und unglücklichen Liebeleien höherer Kreise, um die es bei Schnitzler geht. Es ist ein Gesellschaftspanorama zwischen Adel, Hochfinanz und Bohème im Sommer 1914. Es ist der letzte Sommer im Frieden, wie man es auch heute schon wieder hören kann. Der drohende Krieg ist wie ein Hintergrundrauschen der gesamten Szenerie, das mit dröhnenden Housebeats übertönt werden muss. Der Fatalismus ist mit den Händen zu greifen, doch irgendwie geht das Theater der Eitelkeiten und Nichtigkeiten immer weiter. Man will nicht wahrhaben, dass jeden Moment der Vorhang fallen kann – mit Millionen von Toten.
Leider verpassen viele Zuschauer die Pointe im zweiten Teil, als nach der Pause der Blick hinter die Leinwand geworfen wird – und zwar ganz ohne Kamera. Nun sieht man die Schauspieler im dichten Bühnennebel stehen, die Figuren tauchen in den Schwaden auf und ab, die bereits an den Nebel der Schlachtfelder erinnern. Jetzt trifft die Nachricht vom Beginn des Ersten Weltkriegs ein, die Feiergemeinschaft löst sich schlagartig auf. In der allerletzten Szene sieht man das spielfreudige Ensemble wie bei einem Totentanz, in ihrer Mitte ein Modell des Theaters in der Josefstadt. Gáspárs Inszenierung stellt die Frage, wo das Theater heute steht. Was passiert im Hintergrund, während man auf der Vorderbühne den Vergnügungen frönt? Kann das Theater einen Blick hinter die Videowelt von heute werfen?
Wenn man sich darauf einlässt, dann kann die radikale Selbstbefragung von Gáspár überzeugen. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass man nach den drei Stunden ahnt, warum Schnitzlers „Komödie der Verführung“ so selten gespielt wird. 1915 geschrieben, scheitert der Autor daran, einen wirklichen dramatischen Konflikt zu gestalten. Das Stück verbleibt im Atmosphärischen. Dass Schnitzler es besser konnte, zeigte er beispielsweise mit seinem drei Jahre zuvor verfassten Meisterwerk „Professor Bernhardi“.
Doch unterstreicht Rötzer mit dieser Wahl ihren Anspruch, dem literarischen Theater mit einer Mischung aus Klassikern und neuer Dramatik verbunden zu bleiben. In dieser Spielzeit stehen noch Nestroys „Das Mädel aus der Vorstadt“, Shakespeares „Romeo und Julia“ und Molières „Der Geizige“ auf dem Spielplan, aber auch Teresa Präauer und Suzie Miller. Der Spielplan kam bei der Wiener Kritik ausgesprochen gut an.
Auch die zweite Eröffnungsinszenierung fügt sich bestens in die Tradition am Theater in der Josefstadt. Langzeitintendant Herbert Föttinger verabschiedete sich im Sommer mit dem Stück „Was für ein schönes Ende“ von Peter Turrini, Rötzer eröffnet die kleineren Kammerspiele mit Turrini. Die 1989 geborene Regisseurin Anna Stiepani hat sich die Komödie „Der tollste Tag“ vorgenommen, die an einem spanischen Hof spielt. Um sich etwas fortschrittlich zu zeigen, hat der Regent auf das sogenannte Recht der ersten Nacht verzichtet, möchte aber trotzdem nicht die Finger von den Frauen seiner Untertanen lassen.
Als sein Diener heiraten will, lässt der Herrscher nichts unversucht, um das Paar zu trennen. Und je mehr er seine Absichten durch Lügen und Intrigen zu verschleiern sucht, desto mehr wird die gesamte höfische Welt korrumpiert. Auch der am Ende einberufene Gerichtsprozess erweist sich als einzige korrupte Farce.
1972 geschrieben, zeigt Turrini in seinem Stück, wie eine Gesellschaft von innen verfault, weil Privilegien nur zum Schein aufgegeben werden. Stiepani inszeniert das als rasantes Possenspiel in überzeichneten Kostümen und mit Trampolineinsatz. Ein Abend, der artistisch in jeder Hinsicht zu überzeugen weiß. Und der bei allem Witz zugleich eine klare Botschaft hat: In einer korrupten Welt reicht es für die kleinen Leute am Ende nicht, nur auf ihre Überredungskünste zu vertrauen oder auf ihr Recht zu pochen, sie müssen das Ganze in den Blick nehmen.
„Der tollste Tag“ ist eine Komödie, in der die Komik ins Stocken gerät. Bei Stiepani werden am Ende die Messer gezückt, bevor der Vorhang fällt. So landen die beiden Eröffnungsinszenierungen am Theater in der Josefstadt an den Grenzen der Komödie – und damit auch mitten in der Gegenwart.
„Komödie der Verführung“ und „Der tollste Tag“, Theater in der Josefstadt, Wien