Das Wiener-Festwochen-Gastspiel „Kassandra or Songs of the Canaries“ der polnischen Regisseurin und Autorin Marta Górnicka verärgert im Wiener Akademietheater. Fazit: ein substanzloser Billigkrawall!
Substanzloser Billigkrawall in Tateinheit mit verlogenem Moralisieren: Die Begeisterung über das Geschäftsmodell der Wiener Festwochen ist schon kurz nach deren Eröffnung verraucht. Der Wunderheiler ordiniert wieder daheim in Kroatien, und der andere Herr musste die USA gar nicht erst verlassen, um dem Intendanten Milo Rau weltweites Aufsehen ohne künstlerische Gegenleistung zu verschaffen. Da überwindet das Festival unter Beihilfe der polnischen Regisseurin Marta Górnicka die nächste Stufe der Degoutanz: Menschen mit mutmaßlich schmerzvollen Biografien – Flucht, Bedrohung, Fremdsein, Behinderung – werden rücksichtslos vorgeführt, nachdem man sie zuvor mit Kitsch und Banalitäten abgefüllt hat.
Der dreiundzwanzigköpfige, bescheiden einstudierte Laienchor hakt hier eineinviertel Stunden lang aus vollen Kehlen ab, was jedem halbwegs aufgeklärten Menschen prinzipiell schon vorher nicht entgangen ist. Das allerdings unter Dauereinsatz unzulässiger Gemeinplätze: Die Deutschen sind AfD-Wähler, die den Erdball erwärmen, Frauen verachten, NGOs schikanieren, schon im Volksschulalter auf Migrantenbubenfüße trampeln, schuldlose Menschen abschieben und das ganze Desaster auch noch zu 90 Prozent verdrängen. Einmal zupft man am Wort „Holocaust“, um anschließend zu beklagen, dass man zum Gaza nicht sagen darf, was man gern möchte, sich aber trotzdem nicht zum Schweigen bringen lassen wird.
All das produziert sich bei ungekürztem Festwochenbudget, während freie Gruppen guillotiniert und Arbeitsstipendien gestrichen werden. Da darf man schon unwirsch reagieren.