Berlin – „Hose bitte noch bis mindestens 10.30 Uhr anlassen!“, ruft Ralf Sprenger (58) in sein Megaphon. Es ist Sonntagvormittag und heiß. Um Sprenger herum stehen Hunderte Radler, die auf den Startschuss einer Demo warten. Und darauf, sich endlich ausziehen zu dürfen.
Ein wenig skurril ist es schon. Die erste Nackt-Fahrrad-Demo rollt heute 33 Kilometer weit durch Berlin. Und ich, die BILD-Reporterin, bin mittendrin. Eine Frau cremt ihren Po ein. Ein Mann setzt seinen Helm auf, schwingt sich mit fliegender Fahne aufs Rad. Was mache ich hier eigentlich?
Was ziehe ich nur an?
Schon auf dem Weg zum Startpunkt im Mauerpark beäuge ich jeden Radfahrer kritisch. Werde ich auch dich gleich nackt sehen? Lange habe ich überlegt, was ich selbst anziehen soll. Die Veranstalter sagen: „Bare as you dare“ – so nackt, wie du dich traust. Zum Glück. Also: kurze Hose, Top, lockeres Hemd. Ich bin ja Reporterin, keine Demonstrantin.
Bevor sich der Demozug in Bewegung setzt, lächelt mich ein nackter Mann an. Sein Blick wandert an mir herunter, und ich begreife: Hier bin ich diejenige, die aus der Reihe fällt.
Letzte Ansage von Organisator Sprenger: „Auch wenn Passanten nicht gefällt, was sie gleich sehen: Wir bleiben freundlich. Einfach vorbeifahren. Einen schönen Tag wünschen.“ Dann fallen die Hüllen. Los geht’s.
Helm, Schuhe, sonst nackt
700 Teilnehmer sind dabei. Deutlich mehr Männer als Frauen. Fast alle sind nackt. Manche tragen Helm und Schuhe, andere Sonnenbrille. Vio (60), zahnmedizinische Assistentin aus Aschaffenburg (Bayern), hat länger mit sich gerungen: „Ich war heute Morgen total aufgeregt.“ Bis kurz vor Start habe sie noch nicht gewusst, was sie ausziehen würde. Jetzt fährt sie oben ohne. „Ich habe Angst vor Blicken“, sagt sie. „In Aschaffenburg würde ich das auch niemals machen.“ In Berlin geht alles.
Veranstalter werben für Toleranz
An den Straßen bleiben Menschen stehen. Starren, knipsen, filmen. Eine Familie mit kleinem Sohn schaut zu. Die Mutter sagt: „Ich will ihm zeigen, dass Nacktheit etwas Natürliches ist.“
Darum geht es den Organisatoren: Toleranz, Selbstliebe und Naturverbundenheit. „Unsere Demonstration wird zeigen, dass Nacktheit und Sexualität nicht zwangsläufig zusammengehören“, sagt Ralf Sprenger. „Menschen, die das stört, können der Blume am Wegesrand ja dann kurz mehr Aufmerksamkeit schenken.“
Ich spreche mit einem Radfahrer aus Nürnberg. Er ist 23, in der Finanzbranche tätig. Er trägt Socken (schwarz) und Sturmhaube (weiß): „Die Teilnahme könnte mich im schlimmsten Fall den Job kosten.“
Felix hat seiner Familie noch nichts erzählt
Felix (39), Ingenieur aus Frankfurt, macht sich diese Sorgen nicht. „Als ich heute Morgen losgefahren bin, war ich schon nervös. Aber seit ich hier bin und die anderen gesehen habe, ist das weg.“ Warum macht er mit? „Ich demonstriere für Normalität.“ Freunde wissen von seiner Teilnahme. Der Familie hat er nichts erzählt.
Je länger wir fahren, desto lockerer wird die Stimmung. Menschen winken, Demonstranten klingeln und johlen, Passanten johlen zurück. Eine Gruppe hat sich in roter Farbe auf den Rücken geschrieben: „Nackt, na und?“
Ein Sattelbezug aus Stoff
Sonja S. (54), bekennende Naturistin aus Weil am Rhein, sagt, ihre Tochter hätte sich früher für sie geschämt. Heute hat sie der Mutter das Fahrrad geliehen: „Sie hat mir sogar extra einen Stoffbezug über den Sattel gemacht.“ Auf der Arbeit hat Sonja von ihrer Radtour lieber nichts erzählt. Sie schaut mich an und lacht: „Aber jetzt ist es ja in BILD. Na gut, dann ist es halt so.“
Unterwegs passiert etwas Seltsames: Je länger wir fahren, desto normaler finde ich es, von 700 Nackten umgeben zu sein. Irgendwann begegne ich einer Frau, die ebenso bekleidet ist wie ich. Eine Kollegin? „Nein“, sagt sie, „ich bin erkältet und muss nächste Woche fit sein.“
Nur eines lässt mich nicht los. Die vielen Teilnehmer, die auf Leihfahrrädern unterwegs sind. Auf Rädern, wie auch ich sie täglich nutze, um zur Redaktion zu fahren.
Die sehe ich ab jetzt mit anderen Augen.