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BILD-Reporter Til Biermann erlebte die Trauerwache in Frankfurt: Ich habe eine Seite der Gewalt gesehen, die sonst verborgen bleibt

BILD-Reporter Til Biermann erlebte die Trauerwache in Frankfurt: Ich habe eine Seite der Gewalt gesehen, die sonst verborgen bleibt
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Frankfurt a.M. (Hessen) – Am Römerberg in Frankfurt sind Hunderte Menschen zusammengekommen, um der Toten zu gedenken. Auf Fotos stehen ihre Namen. Leo (8), André (9) und Yannis (2) und viele weitere. Es sind alles Menschen, die gewaltsam aus dem Leben gerissen wurden. Kinder, die nie erwachsen werden. Zurück bleiben Familien und Freunde, die diesen tiefen Kummer, diesen Verlust für immer in sich tragen werden. „Trauerwache Deutschland“, nennen die Veranstalter das.

Ich bin als Reporter da und bewundere, wie stark und mutig manche Hinterbliebenen mit ihrem unvorstellbar schmerzvollen Verlust umgehen. Als Reporter beschäftige ich mich mehr mit den Tätern und den Opfern. Doch hier und heute bin ich mit dem Leid der Hinterbliebenen konfrontiert. Auch sie sind Opfer – und sie müssen ihr ganzes Leben mit den Folgen dieser schrecklichen Taten leben. Es ist ein Gedanke, der mir die Kehle zuschnürt. Ich muss erst einmal schlucken.

Da ist etwa Mark Felan (52), dessen Frau Alexandra erst im Mai vom Ex-Freund seiner Tochter ermordet wurde. „Es wurde eine Trennung vollzogen, die er nicht akzeptiert hat. Er hat für sich beschlossen, die Mama meiner Tochter mit sieben Messerstichen zu ermorden. Sein Bestreben war es, maximalen Schaden zu verursachen. Er wollte sich an meiner Tochter rächen, indem er ihre Mama ermordet“, sagt er mir. Ich kann nur erahnen, wie tief der Schmerz bei Vater und Tochter sitzen muss. Dafür bewundere ich ihre Stärke, diesen zu überwinden und für ihre Mutter auf die Straße zu gehen. Viele Hinterbliebene schaffen das nicht, können ihren Schmerz nicht nach außen tragen, verständlich. Jeder Tag ist eine neue Erinnerung an den Tag, den sie nie mehr vergessen werden. Eine Endlosschleife des Kummers.

Es ist eine bedrückende Stimmung

Wenn ich mich umsehe, blicke ich in unzählige Gesichter, traurige Augen, hinter denen sich unfassbare Geschichten und Schicksale verbergen, die in Tränen und Trauer ihren Weg nach außen finden. Aus ganz Deutschland sind Menschen gekommen, die wollen, dass mehr gegen Gewaltkriminalität getan wird. Die ihre Liebsten verloren haben und jetzt für die Liebsten anderer einstehen, stark sind, damit niemand anderes das Gleiche erleben muss. In einem Trauermarsch laufen wir gemeinsam durch Frankfurt. Es ist eine bedrückende Stimmung. Viele sagen in Gesprächen untereinander, dass Migranten für einen unverhältnismäßig großen Teil der Taten verantwortlich seien und sie das Gefühl hätten, das nicht sagen zu dürfen, da man sie dann in eine rechtsradikale Ecke stelle. Die Leute sind zerrissen zwischen Trauer und Wut. Es ist schwer, neben ihnen zu laufen und sich nicht betroffen zu fühlen.

Tatsächlich stimmt das Gefühl: Bei der Gewaltkriminalität lag 2025 der Anteil nicht deutscher Tatverdächtiger bei 42,9 Prozent. Das ist ein Fakt. Kein Gefühl. Kein politisches Statement, weder rechts noch links.

Wieder am Römerberg angekommen, spricht Michael Kyrath (52), dessen Tochter Ann-Marie 2023 in einem Zug ermordet wurde. Der große, kräftige Mann ist so was wie ein Sprachrohr der Opferfamilien. Seit Jahren kämpft er um das Gedenken an seine Tochter, dafür muss man ihn bewundern. „Meine Ann-Marie war immer eine Kämpferin und sie hat immer gesagt: ,Aufgeben ist keine Option‘. Daran halten wir uns und wir sind froh, dass wir so viele Menschen begeistern und mitnehmen können“, sagt er mir.

„Politische Eitelkeit“

So wie jetzt könne es nicht weitergehen, sagt Michael Kyrath: „Denn es geht ja in letzter Instanz um unsere Kinder und ein Kinderlachen kennt keine Hautfarbe, keine Herkunft, keine Sprache, keine Religion und erst recht keine politischen Befindlichkeiten. Und das sollten sich einige da oben mal ganz genau überlegen, inwieweit sie das noch weitertreiben wollen, dass auf dem Altar politischer Eitelkeiten unsere Kinderleben geopfert werden.“

Nachdenklich verlasse ich die „Trauerwache Deutschland“. Ich habe eine Seite der Gewalt gesehen, die ansonsten verborgen bleibt in den Herzen und vier Wänden der Angehörigen. Sie wollen nicht mehr alleine sein und sich verstecken. Ich bin dankbar, dass ich ihnen zuhören durfte.

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