Die deutsche Industrie setzt ihren Aufschwung fort. Ihr Neugeschäft wuchs im Juni wegen vieler Großaufträge um 3,1 Prozent im Vergleich zum Vormonat, wie das Statistische Bundesamt am Donnerstag mitteilte. Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Ökonomen hatten nur mit einem Plus von 0,3 Prozent gerechnet. Das ist der zweite Zuwachs in Folge.
Allerdings gibt es auch zwei Wermutstropfen: Ohne Großaufträge wären die Bestellungen geschrumpft, zudem wurde der Mai-Zuwachs nachträglich auf 0,3 Prozent nach unten korrigiert (bisher: 1,9 Prozent).
„Die guten Auftragseingänge legen die Grundlage für eine mittelfristige Produktionsausweitung“, sagte der Chefvolkswirt der VP Bank, Thomas Gitzel. „Die deutsche Wirtschaft hat damit die Trendwende vollzogen und dürfte auf Sicht der kommenden Jahre wieder höhere Wachstumszahlen ausweisen.“ Die Konjunktur laufe etwas besser als gedacht, betonte auch der Ökonom der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW), Jens-Oliver Niklasch. Er verwies aber auf Risiken: „Freilich schwebt das Ölpreis-Risiko latent über allem, und mit den Pegelständen der großen Flüsse ist ein neues Abwärtsrisiko dazugekommen.“ Das Niedrigwasser auf Europas wichtigster Wasserstraße Rhein behindert seit Tagen die Binnenschifffahrt und kann Lieferketten unterbrechen, was wiederum die Produktion ausbremsen könnte.
Die positive Entwicklung im Juni geht vor allem auf die deutlichen Anstiege im Maschinenbau (+12,7 Prozent) und bei den Herstellern von Datenverarbeitungsgeräten, elektronischen und optischen Erzeugnissen (+22,7 Prozent) zurück. „In beiden Bereichen meldete eine Reihe von Betrieben Großaufträge“, erklärten die Statistiker. Auch der Zuwachs in der Autoindustrie (+ 3,8 Prozent) wirkte sich positiv aus. Im „Sonstigen Fahrzeugbau“ – dazu gehören Flugzeuge, Schiffe, Züge und Militärfahrzeuge – fielen die Bestellungen um 41,7 Prozent im Vergleich zum hohen Niveau des Vormonats. Zu Großaufträgen in diesem Bereich liegen den Statistikern zufolge bislang nur unvollständige Daten vor. Die starken Zuwächse bei den Produzenten von Investitionsgütern dürften dem Bundeswirtschaftsministerium zufolge im Zusammenhang mit Investitionen in die Modernisierung der Bundeswehr und der Infrastruktur stehen.
„Die deutschen Unternehmen leiden weiter unter einer schlechten Standortqualität“
Die Auslandsaufträge legten im Juni um 0,2 Prozent zu. Dabei brachen die Bestellungen aus der Euro-Zone um 14,0 Prozent ein, während die aus dem übrigen Ausland um 10,2 Prozent zulegten. Die Inlandsaufträge stiegen um 7,8 Prozent. Werden Großaufträge ausgeklammert, sanken die gesamten Bestellungen jedoch um 0,5 Prozent. Im weniger schwankenden Dreimonatsvergleich lag der Auftragseingang im zweiten Quartal um 1,3 Prozent höher als in den drei Monaten zuvor, ohne Großaufträge blieb er unverändert.
Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer sieht deshalb noch keinen kräftigen Aufschwung. „All das erinnert wieder einmal daran, dass sich die deutsche Wirtschaft selbst dann nur zögerlich erholen dürfte, wenn das Öl wieder durch die Straße von Hormus fließt“, sagte Krämer. „Letztlich leiden die deutschen Unternehmen weiter unter einer schlechten Standortqualität, die die geplanten Reformen der Bundesregierung nicht wesentlich verbessern dürften.“
Gesunken sind im Juni die Einnahmen: Der inflationsbereinigte Umsatz im Verarbeitenden Gewerbe lag 1,3 Prozent niedriger als im Vormonat.