Politik

Ex-Botschafter Lambsdorff bei Ronzheimer: Putin plant eine böse Überraschung

Ex-Botschafter Lambsdorff bei Ronzheimer: Putin plant eine böse Überraschung
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Tel Aviv – Er war unser Mann in Moskau: Drei Jahre lang war Alexander Graf Lambsdorff der Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in der Russischen Föderation. Drei Jahre lang schickte er detaillierte Berichte aus dem Herzen der russischen Diktatur nach Berlin – und stand gleichzeitig im Visier der russischen Propaganda.

Nun tritt der deutsche Top-Diplomat seinen Botschafter-Posten in Israel an, zieht vorher aber einmal Bilanz: Im Podcast von BILD-Vize Paul Ronzheimer sprach Lambsdorff ausführlich über seine Zeit in Russland – wie er Diktator Wladimir Putin erlebte, wie der Krieg nach Moskau kam und welche böse Überraschung der Kreml im Herbst planen könnte.

Das sagte Lambsdorff über …

… sein Treffen mit Putin zur Übergabe des Beglaubigungsschreibens: „Er wirkte entschlossen, er ist körperlich gut beieinander. Man liest ja immer mal wieder in deutschen Medien, dass er diese Krankheit oder jene Krankheit haben soll – ich konnte das nicht feststellen. Ich bin kein Mediziner und Ferndiagnosen sind sowieso schwierig, aber das, was man so an Gerüchten hört, konnte ich jedenfalls in der Situation nicht sehen. Der Mann ist ja ziemlich diszipliniert, der ist sportlich, der hat eine sehr gute medizinische Versorgung. Also mein Eindruck von dem war: Der war ganz bei sich.“

… Wodka-Termine: „Nein, die russische Gesellschaft hat sich weiterentwickelt. (...) Also die Russen messen Wodka ja nicht in Millilitern, sondern in Gramm. Also man kriegte 100 Gramm Wodka hingestellt und der musste weg sein am Ende des Essens, sonst galt man als unhöflich – das ist lange vorbei. Die meisten Gespräche finden ganz normal, wenn es mittags ist, bei einem Glas Wasser statt.“

… Überwachung durch den Geheimdienst: „Ich habe in Nischni Nowgorod eine ziemlich absurde Situation gehabt. Ich traf mich mit Deutschlehrern dort, wir redeten über literarische, kulturelle Themen (...) Und am Nebentisch saßen zwei extrem unauffällige junge Männer. Und dann stellte der eine sein Handy auf, filmte das gesamte Gespräch und nahm natürlich den Ton auch mit auf. (...) Da weiß ich, was Sache ist, und ich weiß, dass der FSB uns praktisch durchgehend im Blick hat.“

„Moskau ist komplett übersät mit Kameras“

… Putins Überwachungsstaat: „Moskau ist anders. Moskau ist komplett übersät mit Kameras und Gesichtserkennung. Also sie können in keine Metrostation gehen, ohne dass nicht eine Kamera ihr Gesicht erfasst und eine Gesichtserkennungssoftware drüberläuft. (...) Wenn wir privat irgendwo in den Wald fahren, um eine Runde spazieren zu gehen: Unsere Nummernschilder sind selbstverständlich alle registriert, die wissen genau, wo sind.“

… Russlands Propaganda-Lügen über Deutschland: „Das Bemerkenswerteste an der russischen Propaganda ist, dass ihr Kohärenz – also innere Logik – völlig egal ist. Heute (...) bedrohen wir den ganzen Kontinent. Und 24 Stunden später kommt eine Propaganda: Deutschland sei komplett kaputt, die Wirtschaft liege am Boden, weil wir keine russische Energie mehr beziehen. (...) Ein kompletter, diametraler Widerspruch: Hier ein völlig schwaches, kaputtes Land, hier ein starkes Land im Aufbau als Bedrohung – das macht überhaupt nichts. Das wird binnen 24 Stunden beides ausgesendet.“

„Der Krieg ist in Moskau angekommen“

… Kiews Gegenangriffe auf Russland: „Man darf nicht vergessen, die russische Regierung hat alles getan, um den Krieg möglichst aus Moskau fernzuhalten. Und indem jetzt die Raffinerie explodiert durch einen ukrainischen Angriff und die Leute Schlange stehen und keinen Sprit mehr kriegen, ist natürlich der Krieg auch in Moskau angekommen.“

… Putins wunder Punkt: „Einer der Faktoren, die viele ja am Anfang als einen Vorteil für Russland sahen, nämlich die Größe des Landes, ist jetzt – was die Luftverteidigung angeht – ein Nachteil. (...) So hat sich eine Stärke quasi in eine Schwäche verwandelt, die die Ukraine im Moment ausnutzt.“

„Ich halte es eher für wahrscheinlich, dass es noch mal zu einer Mobilisierung kommen könnte“

… Moskaus mögliche Pläne im Herbst: „Ich halte es eher für wahrscheinlich, dass es noch mal zu einer Mobilisierung kommen könnte. Die technischen Voraussetzungen dafür sind erheblich besser als noch 2022 (letzte Teilmobilmachung, d. Red.). Weil man das ganze Wehrerfassungswesen digitalisiert hat. Und das heißt: Sie kriegen als junger Mann auf Ihr Handy eine Nachricht: ‚Sie sind jetzt mobilisiert.‘ Und diese Nachricht geht parallel an alle Grenzschutzstationen des gesamten Landes, sodass Sie das Land nicht mehr verlassen können.“

… wenige, aber mutige Putin-Gegner: „Sie treffen in Moskau auf Menschen, und nicht zu wenige, die friedliebend, die demokratisch, die weltoffen sind. Ich habe Menschen gesehen, die in Tränen ausbrechen, wenn die Bilder aus Kiew kommen, wenn wieder Raketen eingeschlagen sind, weil sie sich so schämen. (...) Und ja, es sind wenige, die sich rühren, weil es einfach so gefährlich ist. Aber die wenigen, die da sind, haben meine ganze Hochachtung.“

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