Politik

Kolumne: Geht das nur mir so?: Wen wähle ich, wenn ich keinen wählen will?

Kolumne: Geht das nur mir so?: Wen wähle ich, wenn ich keinen wählen will?
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Heute haben die Menschen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern die Wahl. Als Berlinerin bin ich auch gefordert. Aber wen wählen? Noch nie ist mir die Entscheidung so schwer gefallen.

Zum Glück konnte ich feststellen, dass ich mit meinem Problem nicht allein dastehe. Wen immer ich zuletzt in Berlin fragte: „Wen wählst du?“, der nannte mir keine Partei, keinen Kandidaten. Stattdessen bekam ich einen Vortrag darüber, wen man auf keinen Fall wählen kann.

Das ist wie im Restaurant: „Fisch auf keinen Fall. Fleisch eigentlich auch nicht. Vegan mag ich nicht. Und Nudeln hatte ich gestern.“ „Was möchten Sie dann?“ Keine Ahnung. Vielleicht trinke ich lieber was.

Die AfD? Da steht meine persönliche Brandmauer.

Die Grünen? Da reicht mir das Wort „Friedrichstraße“. Das ist diese vermeintliche Einkaufsstraße, aus der die Grünen die Autos verbannen wollten. Krachend gescheitert. Von wegen Fahrradstraße. Wer wissen möchte, warum Politik Menschen irre macht: 500 Meter Straße geben die Antwort.

Die CDU? Gut, Tennis-Kai Wegner ist Geschichte. Aber da ist dieses Merz-Theater. Wofür steht die CDU eigentlich heute? Ist sie noch konservativ oder schon die schwarz angemalte Sozialdemokratie? Dabei geht es natürlich nicht um den Kanzler bei dieser Wahl. Aber das ist den Berlinern doch egal.

Die SPD? Wirkt wie der Typ, den es in jeder Arbeitsgruppe gibt: Bei jedem Vorschlag erklärt er erst mal, warum was nicht geht. Und dann hat der Spitzenkandidat auch noch Bestechungsvorwürfe am Hals. Da kriegt man glatt Sehnsucht nach Walter Momper.

Und die Linke? Eine Partei, die Antisemiten hofiert? Und große Wohnungskonzerne enteignen will, um damit die Wohnungsnot zu lindern? Die jedem zwei kostenlose Sperrmüll-Abholungen schenken will, anstatt den lieben Berlinern zu erklären, dass wir eigentlich den Müll nicht einfach auf die Straße werfen?

Vielleicht also die FDP? Wer war das nochmal?

Manche meiner Gesprächspartner murmeln dann: „Vielleicht wähle ich lieber Volt. Oder die Tierschutzpartei.“ Ich habe so viele heimliche Wähler der Tierschutzpartei getroffen, dass ich langsam denke: Leute, wenn ihr das wirklich alle macht, schaffen die am Ende die fünf Prozent. Ob das Berlin weiterbringt, weiß ich nicht. Aber den Tieren würde ich es gönnen.

Im Ernst: Ich habe noch nie so viele Menschen gesprochen, die wählen wollen, aber keine Lust aufs Wählen haben. Das sind Menschen, die Nachrichten lesen, viel diskutieren, sich Gedanken machen und dann sagen: „Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht.“

Natürlich gab es noch nie eine Partei, bei deren Programm man hinter jeden Punkt sein Häkchen setzen konnte. Wählen war immer auch die Kunst des Kompromisses. Aber diesmal scheint es vielen besonders schwerzufallen. Mir auch. Viele suchen nicht die Partei, bei der sie begeistert ihr Kreuz machen, sondern die, bei der sie am wenigsten Bauchweh haben.

Ich bin also gespannt, was heute rauskommt. Auch weil zum ersten Mal schon 16-Jährige wählen dürfen. So steigt die Zahl der Wahlberechtigten. Noch deutlicher steigt die Zahl der Nichtwahlberechtigten: Mehr als 1,4 Millionen Menschen, die in Berlin leben, dürfen NICHT abstimmen. Ist das gesund für die Hauptstadt?

PS. Ich habe nach langem Nachdenken Briefwahl gemacht. Nichtwählen ist was für Leute, die über andere meckern, aber selbst nichts auf die Reihe kriegen.

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